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Nadine Hilber in der Waiblinger Kreiszeitung, März 2009

Harmonika-Orchester wird 75

Weinstadt-Endersbach
Das Harmonika-Orchester Endersbach ist unter seinesgleichen ein betagter Zeitgenosse. 75 Jahre ist es alt. Ein beeindruckendes Jubiläum - entstanden doch laut Vorstand Günter Hausenbiegl die ersten Harmonika-Orchester in Deutschland erst Anfang der 30er Jahre. Mit Geburtsjahr 1934 ist der Verein also ein Alterchen. Aber keines mit Zipperlein und Gebrechen, sondern ein erfahrener Haudegen, was hochwertiges, konzertantes Akkordeonspiel angeht.

Quetschkommode, Schifferklavier. Wer dem Vorstand des Harmonika-Orchesters die Nackenhaare sträuben will, nennt das Instrument so. „Darauf reagieren wir allergisch”, so Günter Hausenbiegl. Er ist als Vorstandsmitglied ständig auf der Suche nach Musiklehrern und hält nach eigenem Bekunden „den Laden am Laufen”. Quetschkommode - das klingt für ihn so nach Kirmesmusik. Und Kirmes-musiker wollen die Harmonika-Spieler nicht sein. Sind sie auch nicht. Bei Wettbewerben treten sie den Beweis gehobener Qualität an. Hausenbiegl: „Lokal erreichen wir immer das Prädikat hervorragend”. Erst im vergangenen September hat der Verein den „Großen Pokal der Stadt Schwäbisch Gmünd” nach Endersbach geholt.

Leistung auf internationalem Niveau
Auch international müssen sich die Orchester-mitglieder nicht verstecken. Die Schweizer Jury fand das Spiel meist vorzüglich, die Österreicher nannten es ausgezeichnet. Frankreich und Irland sind den Musikern ebenfalls Wettbewerbsreisen wert und meistens sind auch noch ein paar entspannende Urlaubs- und Ausflugstage drin.
Margit Siegle, auch im Vorstand des Harmonika-Orchesters Endersbach (HOE) und für die Mitgliederbetreuung zuständig, erinnert sich an die Auftritte in Tipperary. „1995 haben wir die Iren eingeladen. Sie haben hier in unseren Familien gelebt und 1996 haben wir den Gegenbesuch gestartet”. Das sei schon einmalig gewesen. Beeindruckend auch die Veranstaltungen in Innsbruck. „Ich erinnere mich an 1989 im Bergisel-Stadion”. Wo sonst die Ski-Profis zum Sprung ansetzen, wurden die Sieger des österreichischen Harmonika-Wettbewerbes gekürt. „Schon der Marsch ins Stadion war der Hammer”. Der Weg steil und lang, das Gebirgspanorama zu allen Seiten. Am Wettbewerb selbst nehmen 10 000 Musiker
  teil, die in 350 Gruppen um eine Platzierung ringen. Deutsche, Schweizer, Österreicher natürlich, Japaner, Italiener, Amerikaner, Dänen, Russen, Engländer. „Ein Großereignis”. Heute finden die Sieger-ehrungen zum Wettbewerb in der neuen Olympiahalle statt. Nächster Innsbruck-termin: 2010. „Das HOE hats im Hinterkopf”.
Eberhard Schwegler ist HOE-Urgestein, seit 1950 ist er Vereinsmitglied. Er erinnert sich: „Damals waren solche Vereinsausflüge etwas ganz Besonderes. Selbst konnte man ja gar nicht in den Urlaub fahren und schon gar nicht so weit fort”. Das Geld war knapp. Wenn der Verein mit dem Bus ins Umland gefahren ist, war der rappelvoll. Jeder wollte mit. Heute gebe es fürs Ziel Österreich nur noch ein müdes Lächeln. Aber an Spielqualität lässt der Verein nicht nach.
Das ist vielleicht mit ein Grund für den Nachwuchserfolg, den das HOE verzeichnet. Natürlich arbeiten die Verantwortlichen auch daran, dass schon für die Jüngsten Töne, Rhythmen und Musik zugänglich und interessant werden. Aus dem Musikgarten, den es seit 1996 gibt, rekrutiert das Orchester seinen Nachwuchs.
Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre sah´s noch echt mies aus. Das Akkordeon war out. Das Keyboard stand jetzt bei Kindern hoch im Kurs. Immer mehr sportliche Angebote und eine Fülle von Musikvereinen machten dem HOE Konkurrenz. Jörg Grundner ist Schrift-führer und Pressewart des Vereins, sorgt bei Konzerten für die Verpflegung von Musikern und Publikum. Er meint: Die Delle in der Altersstruktur spüre man heute noch. „Wir haben unter 18 Jahren viele Spieler - und dann die über 40-Jährigen. Aber wer Ende der 80er Jahre nicht zu uns gefunden hat, der kommt auch als Erwachsener nicht mehr”.
Mitte der 90er wird das HOE aktiv, will mit dem Musikgarten den Nachwuchsmangel ausgleichen. Zur Jahrtausendwende hatten wir es geschafft, sagt Hausenbiegl stolz. Da seien dann die ersten Musikgarten-Kinder in die Akkordeon-Ausbildung und danach ins Orchester gegangen. Heute ist der Verein einer der wenigen, der keinen Nachwuchsmangel beklagen muss.
Also kann auch im Jubiläumsjahr gefeiert werden. Festerprobt ist der Verein durch Wein- und Straßenfest im jährlichen Wechsel. Auch hier gibt der Erfolg den Mitgliedern recht. Siegle: „Unter anderem über die Festeinnahmen finanziert sich der Verein”.

Das erste Instrument

Eberhard Schwegler erinnert sich an seine Musiker-Anfänge und die ersten Vereinsjahre
Wir schreiben das Jahr 1934. Karl Walter ist Vorstand des neugegründeten Handharmonika-Clubs Endersbach im Remstal. Dann kam der Krieg dazwischen. Bis 1948 war jede Aktivität im Verein verboten. Als es die Militärregierung zuließ, dass die Musiker zusammenkamen und spielten, nahm Karl Walter wieder die Vereinsführung in die Hand. Eberhard Schwegler: „Er war es, der mich 1950 ins Orchester geholt hat”.
Nur knapp zwei Jahre davor hatte Schwegler überhaupt das Glück, an eine Handharmonika zu gelangen. Angesichts der Geldknappheit und des großen Hungers in der Nachkriegszeit hatte er nicht damit gerechnet, sich eines der „damals tierisch teuren Instrumente je leisten zu können”. Dann aber das: Schweglers Schwager hatte einen Bruder, der im Krieg gefallen ist. Die Handharmonika des Verstorbenen bekam der Stettener Harmonika-Verein leihweise. Der Verein wiederum lieh Eberhard Schwegler das Instrument. „Ich war selig”.
Mit dem Instrument im Rucksack schwang sich der Endersbacher fortan regelmäßig aufs Fahrrad und fuhr zu seinen Übungsstunden. „Eine Mark habe ich dem Lehrer pro Stunde gezahlt”. Der Endersbacher Handharmonika-Vorstand hatte den Übungsfortschritt Schweglers im Blick. Bald nahm Karl Walter
  den Musiker in sein Orchester auf. Walters Söhne spielen heute übrigens mit Eberhard Schwegler bei den Fidelen Oldies.
Das erste eigene Instrument hat übrigens 295 D-Mark gekostet. Das weiß Schwegler noch genau. Eine schmerzhaft hohe Summe. „Andere investierten lieber in Fahrräder oder Mopeds”. Heute liegt der Preis für ein Akkordeon zwischen 5 000 und 40 000 Euro - für ein exzellentes Soloinstrument.
„Einmal ist mir eine Morino angeboten worden”, sagt Schwegler. Morino ist in der Harmonika-Welt ein Markenname für ein besonders hochwertiges Instrument. Kenner kriegen dabei Schnappatmung. „Mich sprach ein Mann an, der sie für 800 Mark verkaufen wollte”. Der Arme wollte sich vom Geld ein Schlafzimmer für seine Ehe leisten. Schwegler selbst war schon verheiratet. Seine Frau hat ihm auch geraten, das Instrument zu kaufen. Aber Schwegler, ganz Remstal-Schwabe: „Ich habe Nein gesagt. So locker hatten wir das Geld nicht. Ich habe lieber einen Wengert gekauft”. Jahre später hat der Wengerter seine Entscheidung doch bedauert: „Ich hätt´ mir schier den Arm ausgerissen”.
Alfred Cogo, damals zweiter Dirigent im Verein, konnte die 800 Mark entbehren. „Er hat das Instrument für seine Tochter Inge gekauft. Da ist es in guten Händen”. Noch heute spielt Inge Cogo bei den Fidelen Oldies auf der Morino.

Die Konzerte

  • Sein Konzert zum 75-jährigen Bestehen präsentiert das Harmonika-Orchester Endersbach am Samstag, 28. März, in der Jahnhalle. Hallenöffnung ist um 19:30 Uhr, Konzertbeginn gegen 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.
  • Zum Konzert spielen alle drei Orchester des Vereins auf. Allerdings keinen Mainstream und keine Volksmusik. „Wir sind keine Kirmesmusikanten”, darauf legt Günter Hausenbiegl Wert. Gespielt werde konzertant, Akkordeonmusik nach Rudolf Würthner aus den 30er Jahren. Damals habe es eine richtige Handharmonika-Bewegung gegeben, mit original für Akkordeon komponierten Stücken und ersten Vereinsgründungen.
  • Die zweite Veranstaltung im Jubiläumsjahr findet am 18. Oktober statt. „Dann zeigen wir die andere Seite des Akkordeons”, so Hausenbiegl. Die Musiker spielen Unterhaltungsmusik. Sie werden unterstützt von Orchestern aus Ebersbach und Michelbach. Außerdem treten der Musikverein und der Gesangverein Endersbach auf.
  • Mehr Infos gibt es im Internet unter www.hoe-online.info.

Lexikon

  • Kleines Lehrstück durch den Instrumenten-Dschungel: ein Akkordeon ist ein chromatisches Instrument. Es ist gleichtönig. Beim Zusammendrücken und Ziehen entsteht der gleiche Ton. Ein Akkordeon hat Knöpfe oder Tasten.
  • Eine Handharmonika ist dagegen ein diatonisches Instrument. Sie ist wechseltönig. Beim Zusammendrücken und Ziehen macht sie unterschiedliche Töne. Sie hat Knöpfe statt Tasten. früher, also mit der Gründung 1934, hieß der Verein Handharmonika-Club Endersbach im Remstal. Zum 25-Jahr-Jubiläum benannten sich die Mitglieder um in Harmonika-Orchester Endersbach.
  • Die Anzahl der Handharmonika-Spieler im Verein nahm kontinuierlich ab. Heute musizieren noch 4 Mitglieder der Fidelen Oldies auf der Handharmonika. Darunter Eberhard Schwegler.
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© 2018 HOE • Autoren: Jörg und Martin • Alle Rechte vorbehalten • Stand: 3. August 2016