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Christine Gehr in der Waiblinger Kreiszeitung, November 1991

Künstlerische Originalmusik und leichte Klassik in kleinen Dosen

Weinstadt.
Beim Akkordeon liegt die Seele in Falten: so anschaulich beschreibt Edmund Holzwarth das Herzstück eines Instruments, das der Volksmund nicht von ungefähr „Quetsch-kommode” nennt. Holzwarth muss es wissen, schließlich steht er seit 1974 beim Endersbacher Harmonikaorchester einem Ensemble vor, das Weinstadts Farben bei Wertungsspielen allerorts Ehre macht. Alle zwei Jahre lassen sich die Endersbacher Harmonikaspieler öffentlich in die Noten blicken, heuer in der Jahnhalle. Das Interesse der Weinstädter an der Akkordeonmusik war nachgerade überwältigend, sämtliche Plätze waren besetzt.
Wer nun allerdings in der Lederhose gekommen war, musste sich fehl am Platze fühlen: Statt Waderlstrümpfen trägt die zeitgenössische Akkordeonistin Lurex-strümpfe, und nach Haferlschuhen hielt man auf der Bühne umsonst Ausschau. Vergeblich hofften denn auch Freunde der Volksmusik auf ein Sammelsurium an Marschmusik und ähnlich Zünftigem: In allererster Linie zollte das zweistündige Programm, von Jugendorchester und Erstem Orchester gemeinsam bestritten, dem künstlerisch-musikalisch anspruchs-vollen Repertoire des Akkordeons Rechnung.
Eine „Chaconne” führte nach der Pause in die melancholische Welt französischer Filmkunst – Chabrols Hutmacherphantome schlichen zumindest in der Phantasie durch die Reihen des 22köpfigen Ersten Orchesters. Die „Morgenstimmung” aus Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite I” schloss sich an – ergreifend schön. „Wir bemühen uns, nicht ganz im Sumpf der Volksmusik zu versinken” erläutert Edmund Holzwarth sein musikalisches Konzept in
   
Endersbach. Einem Publikum, das, der Dirigent ist ganz Realist, „nicht immer aufgeschlossen ist” für neue Töne, müsse man „künstlerische Originalmusik” und „leichte Klassik” in kleinen Dosen unterschieben.
Kleine Dosen, das bedeutet dann und wann doch einen Ausflug in die Volksmusik: Zu den „Schwabenstreichen - sieben Inspirationen zu einer schwäbischen Volksweise” beispiels-weise, denen jedoch - Tücke der Technik - ein achter Streich vorausging. Das Elektronium, ein Zusatzinstrument, das nach Auskunft des Fachmanns „richtig eingesetzt zur Klangbereicherung Bläser und Streicher imitieren kann”, konnte den akustischen Qualitätsansprüchen Holzwarths nicht auf Anhieb gerecht werden. „Mir hettet des gar net gmerkt, aber er...” zollte eine blondgelockte Schwäbin in der ersten Reihe dem Gehör des Dirigenten Respekt. Ob der Vorfall den 39jährigen außer Nerven auch Haare gekostet hat, wie Vorsitzender Albrecht Rühle mutmaßte, wird der aufmerksame Orchesterleiter ohne Zweifel selbst am besten registriert haben.
Gefragt, welche Rolle denn dem Akkordeon heute in der konzertanten klassischen Musik zukomme, schränkt Holzwarth den Aktions-radius des Tasteninstruments ein: Nur ein kleiner Teil der klassischen Musik, so der Dirigent, eigne sich für die Akkordeon-bearbeitung. „Die Stücke müssen entweder einen witzigen oder folkloristischen Charakter aufweisen können”. Oder aus der Musicalecke kommen. Wie die Melodienfolge aus der „West Side Story”, die die Akkordeonisten mit links bewältigten. Mit „links” im wahrsten Sinne des Wortes, denn: man zieht nur mit der linken Hand an der „Quetschkommode”.
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