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Matthias Schwardt in der Waiblinger Kreiszeitung, April 2003

Gewagte Läufe, druckvolle Rhythmen

Verbrüderung der Harmonika-Orchester Endersbach und Michelbach mit feinstem Akkordeon-Spiel
Weinstadt.
Schwaben und Badener verstehen sich nicht, heißt es. Gleichzeitig heißt es aber, dass Musik verbindet. Folgerichtig geht's beim gemeinsamen Konzert der Harmonika-orchester von Endersbach und Michelbach - ein Teilort von Gaggenau - in der Jahnhalle herzerwärmend harmonisch und brüderlich zu. Obendrein zeigen beide Ensembles Akkordeonspiel vom Feinsten.

Vor etwa zwei Jahren statteten die Endersbacher den Michelbachern einen Besuch ab und standen dort spielenderweise gemeinsam auf der Bühne. Jetzt also haben sich die Badener ins Remstal aufgemacht. Das Programm in der wohl gefüllten Jahnhalle ist zweigeteilt: Den ersten Teil bestreiten die Endersbacher, den zweiten die Gäste.
Am Anfang steht eine Premiere: Das erste Orchester der Endersbacher interpretiert zusammen mit dem Akkordeon-Nachwuchs, den HOE-Kids, eine Nummer unter der Leitung von Angela Hausenbiegl. „Minirocks”, ein melodisches dreiteiliges Stück, lässt an Hafenatmosphäre denken. Dabei fügen sich die Kids mit ihren Instrumenten in das Klangbild ein, als hätten sie schon immer bei den älteren mitgespielt.
Dann beweist das erste Orchester, jetzt mit dem Dirigenten Edmund Holzwarth, sein ganzes Können beim Tango „Melodia en la menor” von Astor Piazzolla. Die Komposition ist ungeheuer kompliziert, weil zerrissen durch leise und aufbrausende Passagen, waghalsige Läufe und druckvolle, treibende Rhythmen. Man kann die Akkordeons förmlich atmen hören, schwarze Klänge wälzen sich stoßseufzernd durch den Raum.
Nach so einem schwermütigen Klotz ist es Zeit für leichtere Klänge, auch die überzeugend dargeboten: „Modern Suite” von Renato Bui
 
klingt wie aus einer heimatseligen Komödie mit den Altherrenwitzen von Heinz Erhard. „Skyline”, eine ziemlich schlappe Komposition des Waiblingers Hans-Günther Kölz, wäre dagegen als Hintergrundmusik für einen New-York-Bummel an einem Sommertag geeignet. Nach der klassisch anmutenden „Ouvertüre caprice” von Akkordeon-Guru Rudolf Würthner räumen die Endersbacher die Bühne unter brausendem Beifall.
Die Akkordeon-Spezialisten aus Baden beginnen noch etwas unsicher mit „Galaxy”, wieder von Hans-Günther Kölz. Doch schon bei „Wein, Weib und Gesang” von Walzer-König Johann Strauß hat sich das Orchester unter der Stabführung von Christian Wipfler warm gespielt. Finger tanzen über die Tasten, das Arrangement für Akkordeons macht den Walzer zur zünftigen Wirtshausmusik, aber mit Niveau. Hernach fühlen sich die Michelbacher in den dynamischen „Tango Bolero” von Juan Llossas hinein und lassen ihn klingen, wie er klingen muss: majestätisch. Es gibt berechtigten Applaus. Einen beschwingten Mitpfeifklassiker hat das Gastorchester auch im Gepäck - die Zugfahrhymne „Chattanooga choo choo”. Und das, obwohl die Badener mit dem Bus nach Endersbach gereist sind. Gut gespielt, jedoch wenig geeignet für Akkordeons ist das letzte Stück der Michelbacher, der Jazz-Standard „Birdland” von Josef Zawinul.
Zwei Zugaben bekommt das verwöhnte Publikum geboten. Dazu zwängen sich beide Orchester mit insgesamt 50 Musikern auf die Bühne und sind noch mal ganz versunken in zwei Stücke des Hohepriesters Rudolf Würthner. Da wird klar: Egal, ob die Musiker aus Schwaben oder Baden kommen - Heimat ist immer da, wo die Akkordeons spielen.
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