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Matthias Schwappach in der Waiblinger Kreiszeitung, April 2002

Expressive Musik in „Heiligen Hallen”

Das Harmonika-Orchester Endersbach musizierte in der St. Andreas Kirche
Weinstadt.
„Eine ganz neue Facette der Akkordeonmusik” präsentierte am Sonntag das erste Orchester des Harmonika-orchesters Endersbach in der katholischen Kirche St. Andreas. Volle Sitzreihen und die sommerliche Dämmerungsstimmung dieses Abends schufen eine einzigartige Atmosphäre im Auditorium.
Ein voll besetztes Kirchenschiff, andächtige Stille und festliche Kleidung in der katholischen Kirche in Endersbach. Doch an diesem Abend nicht, weil Pfarrer und Ministranten vorne stehen. Sondern es spielen die Mitglieder des ersten Orchesters des Harmonika-Orchesters Endersbach unter der Leitung von Edmund Holzwarth. Pfarrer Hans-Peter Breunig freute sich auf die folgenden 60 Minuten: „Der Anlass unseres Treffens ist eine wunderschöne Gabe: die Musik.” Er freue sich auf einen bunten Strauß aus Melodien, nicht weniger schön als ein Strauß aus Blüten im Frühling.
In der Tat, als Holzwarth zum ersten Mal den Taktstock erhebt, liegt nicht der Geruch von Weihrauch in der Luft, sondern Musik. Die Melodien, gepaart mit der sommer-abendlichen Stimmung und dem andächtigen Lauschen der Zuhörer, schaffen in dem Saal eine einzigartige Atmosphäre.
Bereits beim ersten Stück, Präludium und Fuge in a-moll von Matyas Seiber, führt Holzwarth seine Schäfchen mit sicherem „Stab” durch die crescendi und decrescendi der neobarocken Komposition. In der Kirche wirkt der Klang der Harmonikas ähnlich dem der Orgel. Nach dem zweiten Stück, dem Arioso aus der „Sinfonischen Suite” Wolfgang Jacobis, gibt es dann auch in den bisher still verharrenden Zuschauerreihen kein Halten mehr. Erst verhalten, dann immer entschiedener setzt der Applaus ein. Mit manchen Gunstbezeugungen kann man eben nicht warten bis zum Ende, vor allem, wenn´ s um schöne Musik geht.
Um dem Orchester auch ein wenig Ruhe und einen Ohrenschmaus zum Zurücklehnen zu gönnen, wird als nächstes das Quartett in F-Dur von Ignaz Pleyel für Querflöte und Streichtrio zu Gehör gebracht. Dagmar Dorn spielt die Querflöte, Giselher und Sigurd Kinzler betätigen sich als Solisten an Violine und Viola, und Edmund Holzwarth, der seinen Taktstock gegen einen Bogen eingetauscht hat, gibt die Solo-Partie am Cello. Zu viert schaffen die Musiker eine kammermusikalische Atmosphäre. Sie spielen die drei Sätze Allegro, Rondo moderato sowie Allegro assai, und
 
meistern diese selbst ohne Führung perfekt.
Um den eigentlichen Protagonisten des Abends nicht gänzlich die Schau zu stehlen, ist infolge noch einmal das Orchester dran mit zwei Stücken des barocken Komponisten Johann Sebastian Bach. Zunächst ein wenig getragen, hymnisch und festliche mit Präludium und Fuge b-moll, danach wieder lockerer und leichter mit Badinerie aus der „Suite h-moll”. Bei Letzterem, noch einmal begleitet von der Querflöte, sorgen nicht nur der schnelle motorisch-barocke Rhythmus, sondern auch die unterschwellige freche Leichtigkeit und der Wiedererkennungswert für eine musikalische Entspannung der kirchlichen Festlichkeit.
„Etwas unüblich für eine Kirche, aber wir haben uns gedacht, das muss sein”, unterbricht Günter Hausenbiegl, HOE-Vorstand für Musik und Jugend, kurz das Programm. Er freut sich über den Applaus, mit dem eigentlich erst gegen Ende des Konzertes gerechnet wurde. Der Grund der Unterbrechung ist eine außerordentliche Ehrung der jüngst ernannten Ehrenmitglieder des Vereins. Arno Beyer, Joachim Endress und Albert Rühle sowie ihre Vereinskameraden Hans Schwegler und Dieter Wiedenmann haben über viele Jahre den Verein mit Tatkraft unterstützt, wenn sie auch meist im Verborgenen wirkten. „Auf ihr Konto gehen rund 20000 Arbeitsstunden”, erklärt Hausenbiegl die Entscheidung des Vereins, jene fünf Mitglieder zu Ehrenmitgliedern zu ernennen. „Außerdem dienen sie dem Verein schon viele Jahre als Vorbilder.”
Nach vollzogenen Ehrungen wird es noch einmal still. Das Orchester beendet den Abend mit einem weiteren Werk Bachs, der Passacaglia in c-moll. Wieder hymnisch, feierlich und getragen, durchdringt der Klang der Harmonikas die Kirche, und macht dem barocken Komponisten und Kirchen-Kantor alle Ehre. Zum Ende hin dramatisch zugespitzt, Trugschluss, ein Endspurt, und schließlich Auflösung in Dur; nicht nur musikalisch lassen sich die Klangbewegungen mitverfolgen, auch Holzwarth gibt noch einmal alles und führt sein Orchester expressiv zum Höhepunkt und Ende des Abends - „Zugabe ist heute leider nicht möglich”.
Was bleibt ist ein begeistertes Publikum, eine fröhliche sommerabendliche Stimmung und die Freude auf den ersten Advent, wenn das HOE wieder in „heiligen Hallen” musizieren wird.
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