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Michael Riediger in der Waiblinger Kreiszeitung, Februar 1998

Die ungewohnten Hörerlebnisse der Harmonika

Mächtig und filigran, klassisch und kompetent:
wie das Endersbacher Orchester die Ehre seines Instruments rettete
Weinstadt.
Es geschieht nicht alle Tage, dass sich ein Akkordeonorchester an die Musik Bachs oder Mozarts heranwagt. Und doch: Wenn alle Welt die Grenzüberschreitung sucht, fallen auch Vorurteile gegenüber dem „Schifferklavier”. Gut so, wie jetzt das Harmonika-Orchester Endersbach in der gut besuchten St. Andreas-Kirche bewies.
In Johann Sebastian Bachs „Präludium und Fuge g-moll” sowie dem berühmten „Air” aus der Orchestersuite Nr. 3, umarrangiert, erinnerten die Harmonikas an eine mächtige Orgel. Einzig die Höhen der Violine fehlen manchem, der Originale liebt.
Als dann Mezzosopranistin Cordula Lefarth in Mozarts „Ave Verum” zum Orchester stieß, schafften es die Musiker unter Leitung von Edmund Holzwarth durchaus, sich zurückzunehmen. Für Bachs Choral „Jesus bleibet meine Freude” mussten sie gar die Stimmen komplett ersetzen, ein für Bach-Freunde ungewohntes Hörerlebnis - und wiederum höchst filigran gespielt.
In Johann Christian Bachs früh-klassischer „Sinfonia in B” setzte sich freilich der Eindruck durch, dass ein Harmonikaorchester in den schnellen Sätzen am besten klingt. Der flotte Eindruck des Allegro und Presto beruhte vor allem auf rhythmischer Präzision, die auf dem Akkordeon leicht fallen dürfte. Im Andante fehlte etwas die Tiefe des Streichertones. Dafür verblüffte die enorme Bandbreite der Register.
   
Die Zuhörer meinten bisweilen, eine Orgel oder ein Blasinstrument zu hören.
Es folgte ein gelungenes Zwischenspiel, Michael Haydns Divertimento C-Dur für Flöte (Cordula Lefarth), Viola (Sibylle Hoover) und Violoncello (Edmund Holzwarth). Leicht, heiter, „klassisch” erklang die Kammermusik vom Bruder Joseph Haydns. Das wunderschöne zweite Menuett hat vielen eine angenehme Entdeckung beschert.
Dann sprachen wieder die Harmonikas. Die „Suite Baroque” des 1984 verstorbenen Gerhard Maasz, ein modernes Werk von barockem Gepräge, durchsetzt von mittelalterlicher Melodik, erinnerte vor allem im prächtigen Finale an Filmmusik. Eine hörenswerte Ausgrabung. Auch Tommaso Giordanis „Caro mio ben”, wiederum von Cordula Lefarth gesungen und nahezu perfekt begleitet, hat einen modernen Anstrich: Zu Beginn schwingt ein Hauch „We shall overcome” mit. Wieder präzise und pointierte Orchestertutti. Und als zum Schluss des Konzerts, dessen Spendenerlös teils Straßenkindern in Sao Paulo zugute kommt, „Präludium und Fuge a-moll” erklang, ein Werk des 1960 verstorbenen Matyas Seiber, war die Ehrenrettung eines Instruments komplett. Nahezu jedem Musikstück vermag das Akkordeon gerecht zu werden - wenn es kompetent gespielt wird.
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