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Juliane Sonntag in der Waiblinger Kreiszeitung, Dezember 1987

Matineekonzert des Harmonika-Orchesters Endersbach
im Remstal-Gymnasium

Ein gelungener Aufbruch zu neuen Ufern
Weinstadt.
Dass Akkordeonmusik auch anders sein kann als ihr Ruf, bestätigen allerorten die Akkordeonorchester. Sie wenden sich ernsterer, schon „klassisch” zu nennender Literatur zu. Auch das Harmonika-Orchester Endersbach hat diesen Weg beschritten, mit großem Erfolg, wie es beim Matinee-Konzert im Foyer des Remstal-Gymnasiums zeigte. Vor einem großen Publikum präsentierten die Musiker erstmals ein derartiges Programm in Konzertform. Eben diese „andere” Seite der Akkordeonmusik darzustellen, ist Idee, Wunsch und Ziel, wie Dirigent Edmund Holzwarth einleitend sagte. Die Quetschkommode, die Ziehharmonika und das Schifferklavier, wie das Akkordeon im Volksmund immer wieder genannt wird, hat nämlich sehr „ernste” und folkloristische Ursprünge, führte er weiter aus. Französische Musette, argentinischer Tango oder auch die Matrosenmusik standen dem heute als Unterhaltungs- und Stimmungs-instrument verstandenen Balginstrument Pate.
„Pastorale Variationen” hatte die Schülergruppe einstudiert. Variationen, die Hugo Herrmann (1896 - 1967) über ein Thema idyllischen Charakters geschrieben hat. Der Auftritt des Akkordeonnachwuchses überraschte freilich nicht nur musikalisch, sondern stimmte überdies das Publikum auf dieses so ganz andere Programm ein. Die musikalische Umsetzung der einzelnen Stimmungsbilder sowie das Hinführen der Zuhörer auf die neue Klangwelt gelang. Eine Welt, die dem Instrument mit dem Schunkeleffekt ganz neue, kreative und vielfältige Möglichkeiten erschließt.. Töne, wie von einer Orgel gespielt, ruhten schwebend im Raum, der tief und dröhnend ausgesetzte Bass atmete schwer, wie vom Blasebalg erzeugt, sanft und ruhig glitt die variierte Melodie darüber. Nur selten war der typische Akkordeonsound zu spüren. Einmal gar mutete die Musik an, wie vom Dudelsack geblasen, dann von Flötenstimmen bezeichnet. Folkloristische Elemente kontrastierten mit eher romantischen Motiven, die Skalen kamen virtuos, die Harmonien weich. Die Schüler des HOE, des Harmonika-Orchesters Endersbach, sollten zur treibenden Kraft werden, wenn es um solche Musik geht, denn jedes Experiment braucht seine Förderer. Musik braucht aber
 
darüber hinaus auch Literatur und gerade hier ist noch viel zu leisten. Im Gegensatz nämlich zur jahrhundertealten Volksmusik setzte die musikalische Beschäftigung mit dem Akkordeon als Instrument für ernsthafte Musik erst vor rund 50 Jahren ein.
Angela Kühn und Christel Wilhelm gingen sogar soweit, ihr instrumentales Können solistisch unter Beweis zu stellen. Sie spielten ein Duo, die Sonatine für zwei Akkordeons von Waldram Hollfelder (geb. 1924). In drei Sätzen verblüfften sie mit ihrer Interpretation. Und wäre es nicht eindeutig zu sehen gewesen, hätte darüber gestritten werden können, um welche Besetzung sich diese Musik so virtuos und stimmig dreht. Auf das sehr schnelle Allegro folgte ein sentimental gestimmtes Andante von eindringlicher Motivik, ehe die Sonatine in einem heiteren Allegro vivo ihren Ausklang fand. Christel Wilhelm wagte noch mehr: Sie fügte ihrem Vortrag drei kleine Stücke aus „Sechs Walzer-Bagatellen” von Wolfgang Jacobi (1894 - 1972) an. Im Mittelpunkt des Konzertes stand das umfangreichste Werk: die „Sinfonietta” von Waldemar Bloch (geb. 1906). Das Jugendorchester interpretierte dieses dreisätzige Werk von beinahe orchestralen Ausmaßen. Im Zusammenklang laut und voll konnten sich die Spieler ganz hinter zarten Tongefügen zurückziehen und sanfte Stimmungen zeichnen. Die choralhaften Züge im Andante lento spielte das gesamte Orchester, die in spannenden Bogen umfassten Themen klangen wie von Holzbläsern inszeniert, der akzentuierenden Rhythmik eines Streicherensembles folgend. Selbst das Stimmen klang wie gestrichene Saitenklänge.
Den Ausklang übernahm das erste Orchester. Es zeigte noch einmal das gesamte neu entdeckte Spektrum der tonalen Gestaltungsvielfalt. Wolfgang Jacobi (1894 - 1972) gab ihnen dazu reichlich Gelegenheit mit seinen „Kinderspielen in Ascoli”, einer suiten-ähnlichen Komposition, aus zwölf kleinen tänzerisch konstruierten Sätzen bestehend. Das Konzert in Weinstadt war schon im Aufbruch zu neuen Ufern ein schöner Erfolg. Nun sollte es nicht nur bei diesem ersten Versuch bleiben.

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